Vertraute Lieder und neue Klänge
Beim Kreiskonzert in Erbendorf singt der ganze Saal mit
Vier Chorformationen und rund 120 Mitwirkende gestalten das Kreiskonzert des Sängerkreises Nord-Oberpfalz. Ein Abend, der zeigt, wie viel Leben im Volkslied steckt – und wie viel Freude im gemeinsamen Singen.
Von Roland Wellenhöfer
ERBENDORF. Es gibt Konzertmomente, in denen die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum verschwindet. Beim Kreiskonzert des Sängerkreises Nord-Oberpfalz in der Erbendorfer Stadthalle geschah das gleich zu Beginn: Das Publikum erhob sich und stimmte in den Kanon „Dona nobis pacem“ ein. Gemeinsam gedachten Sänger und Zuhörer des kürzlich verstorbenen Pleysteiner Chorleiters Alexander Völkl. Ein bewegender Auftakt, der dem Abend eine besondere Tiefe gab.
Was folgte, war ein ebenso abwechslungsreiches wie überzeugendes Plädoyer für das Volkslied. Vier Chorformationen mit jeweils eigenen Stärken zeigten unter dem Motto „Volkslied – mal traditionell, mal modern“, wie sich vertraute Melodien bewahren und zugleich mit neuen musikalischen Ideen weiterentwickeln lassen.
Ein Konzert im Landmusikort Erbendorf
Der Vorsitzende des Sängerkreises Nord-Oberpfalz, Karl Hermann, begrüßte die Anwesenden und stimmte auf den gemeinsamen Konzertabend ein. Dritter Bürgermeister Reinhold Kastner erinnerte in seinem Grußwort an die Auszeichnung Erbendorfs als „Landmusikort 2025“ durch den Deutschen Musikrat. Umso mehr freue es ihn, dass das Kreiskonzert in Erbendorf stattfinde. Die Stadthalle biete dafür ideale Voraussetzungen.
Pleysteiner Männer zwischen Erinnerung und Aufbruch

Für den Männergesangverein 1895 Pleystein war dieser Auftritt mit besonderen Gefühlen verbunden. Einen Großteil der Vorbereitung hatte Alexander Völkl noch selbst geleitet. Nun stand Holger Scheufler als neuer Chorleiter vor den Sängern.
Waldmann würdigte ausdrücklich, dass die Männer trotz ihres Verlustes auf der Bühne standen. Zugleich hob er den Chor als erfreuliches Beispiel innerhalb einer Männerchorlandschaft hervor, die vielerorts mit Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Sängerzahl, Altersstruktur und gemeinschaftlicher Zusammenhalt seien in Pleystein bemerkenswert.

Musikalisch spannten die Männer einen weiten Bogen. „Jetzt kommen die lustigen Tage“ und „Der Jäger aus Kurpfalz“ standen neben einer Weise von der Osterinsel Rapa Nui und dem dalmatinischen Volkslied „Kad si bila mala, mare“. Diese Auswahl machte deutlich, wie vielfältig die Herkunft dessen ist, was unter dem Begriff Volkslied zusammenkommt.
Besonders aktuell wirkte „Viele Vögel sind noch da“. Die Anspielungen auf Artenverlust und Umweltfragen zeigten, dass sich mit vertrauten musikalischen Formen auch Themen unserer Gegenwart aufgreifen lassen. Gerade darin lag eine Stärke des Auftritts: Die Pleysteiner bewahrten den Charakter des Volksliedes und öffneten es zugleich für neue Gedanken.
Frauenstimmen mit Heimatverbundenheit und neuen Ideen

Einen eigenen Klang und eine andere musikalische Perspektive brachten die Frauen der Chorgemeinschaft Erbendorf-Wiesau gemeinsam mit dem Pleasure Ensemble Marktredwitz auf die Bühne. Unter Elisabeth Liedls Leitung verbanden sie heimatbezogenes Liedgut mit neueren Bearbeitungen.
Die beiden Liebeslieder aus dem Egerland, „Dort unten tief im Grunde“ und „Unter dem Holzapfelbaum“, führten zu den kulturellen Verbindungen der Region. Dazu kamen „Ich hört ein Bächlein rauschen“ und „Wahre Freundschaft“. Bekannte Weisen erhielten im reinen Frauenchor eine eigene Farbe und machten hörbar, wie sehr die Besetzung die Wirkung eines Liedes prägt.

Waldmann verwies auf die ausgewählten Sätze von Franz Möckl und Karl Haus, die Elisabeth Liedl aus ihrer Zeit als Vizepräsidentin des Fränkischen Sängerbundes als Wegbegleiter kannte. Einen reizvollen Kontrast setzte „Uns’re kleine Nachtmusik“: Mozarts Musik im Gewand einer Bearbeitung von Lorenz Maierhofer ergänzte das Programm um eine spielerische Facette.
Noch vor der Pause wurde Elisabeth Liedl von Kerstin Homberg, Vizepräsidentin des Fränkischen Sängerbundes, für 50 Jahre Chorleitung geehrt.
Gemeinsam gewinnen die Männerstimmen an Kraft

Mit stattlichem Klang präsentierte sich nach der Pause der Männerchor der Sängergruppe Max Reger unter Alexander Hecht. Rund 45 Sänger aus den Männerchören Brand, Immenreuth, Kemnath, Kulmain, Lochau, Neusorg und Pullenreuth hatten sich zu diesem Projekt zusammengefunden.
Schon diese Zusammenarbeit war eine Botschaft. Waldmann brachte sie mit dem Gedanken auf den Punkt, Schwierigkeiten gemeinsam zu begegnen und nach Lösungen zu suchen. Auf der Bühne erhielt dieser Gedanke eine musikalische Entsprechung: Die große Formation verlieh den Männerstimmen Gewicht und Präsenz.

Passend dazu erklang „Fein sein, beinander bleib’n“, das anstelle des ursprünglich angekündigten „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ ins Programm aufgenommen worden war. Der Titel ließ sich an diesem Abend durchaus auch als freundliche Aufforderung an die Chorgemeinschaft verstehen.

Für einen schwungvollen Akzent sorgte „Horch was swingt von draußen rein“, ein Volksliedpotpourri im Arrangement von Herbert Grunwald. Hier wurde das Konzertmotto besonders anschaulich: Vertrautes durfte sich rhythmisch verändern, neue Leichtigkeit gewinnen und dennoch erkennbar bleiben. Die Freude am Wiedererkennen verband sich mit dem Vergnügen an der veränderten Fassung.
Parkstein bringt Dynamik auf die Bühne

Als vierte Formation setzte die Chorgemeinschaft Parkstein unter Elvira Kuhl einen lebendigen Schlusspunkt in der Reihe der Chorauftritte. Der Chor brachte viel Dynamik und Bewegung auf die Bühne und zeigte, wie wirkungsvoll sich überlieferte Lieder mit heutigen musikalischen Mitteln gestalten lassen.
Das Programm reichte von „Horch was kommt von draußen rein“ im Satz von Burkhard Kinzler über „Lasst doch der Jugend ihren Lauf“ in der Bearbeitung von Thomas Gabriel bis zu „Der Kuckuck und der Esel“ im Satz von Carsten Gerlitz. „Heut kommt der Hans zu mir“, arrangiert von Oliver Gies, ergänzte diese Auswahl.
Der Reiz lag im Zusammenspiel von bekannten Vorlagen und unterschiedlichen Bearbeitungen. Lieder, deren Melodien vielen Zuhörern seit Langem vertraut sind, eröffneten neue Ausdrucksmöglichkeiten. Die Parksteiner verbanden diese musikalische Beweglichkeit mit einer lebendigen Bühnenpräsenz. Das gab ihrem Auftritt einen eigenen Charakter und dem Abend noch einmal spürbaren Schwung.
Ein Moderator bringt den Saal zum Singen

Wesentlichen Anteil am Gelingen hatte Richard Waldmann. Mit seiner unverwechselbaren Mischung aus musikalischer Einordnung und Oberpfälzer Humor verband er die Auftritte. Er stellte die Chöre und ihre Stücke vor, erzählte von Zusammenhängen und holte das Publikum immer wieder ins musikalische Geschehen.
Dabei blieb es nicht bei der Aufforderung zum Mitsingen. Waldmann machte den Zuhörern den Einstieg leicht, griff vertraute Lieder auf und schuf Gelegenheiten, selbst Teil des Abends zu werden. Seine Moderation trug den Gedanken des Konzerts damit unmittelbar in den Saal.

Das Volkslied beschrieb Waldmann als einen über Generationen weitergetragenen Schatz, als identitätsstiftendes und verbindendes Kulturgut. Es zu pflegen schloss für ihn ausdrücklich ein, neue stilistische Möglichkeiten zu nutzen, Texte zu verändern und Lieder anders zu arrangieren.
Sein Fazit formulierte er in der Moderation so: „So lässt sich das Volkslied als lebendige Kulturform präsentieren – mit Wurzeln in der Tradition und einem Blick in die Zukunft!“ Die vier Formationen lieferten dafür unterschiedliche, einander ergänzende Beispiele.
Ein Liederschatz will weitergegeben werden
Besonders schön war an diesem Abend die Selbstverständlichkeit, mit der viele Besucher mitsangen. Hier waren Lieder im Gedächtnis geblieben, die Gemeinschaft stiften können, sobald jemand den Anfang macht. Die Freude daran war im Saal deutlich zu erleben.
Zugleich führt ein solcher Abend vor Augen, wie wertvoll die Weitergabe dieses Repertoires ist. Dass bekannte Volkslieder über Generationen hinweg von vielen gemeinsam gesungen werden können, ist keine Selbstverständlichkeit. Wo sie im Alltag jüngerer Menschen seltener vorkommen, können auch die Vertrautheit mit den Melodien und die Kenntnis der Texte schwinden.
Gerade deshalb war die Offenheit für neue Bearbeitungen so überzeugend. Sie bietet Möglichkeiten, diesen Liederschatz auch Menschen nahezubringen, die mit ihm bisher wenig Berührung hatten. Wie viel Freude gemeinsames Singen bereiten kann, führte das Erbendorfer Publikum an diesem Abend jedenfalls eindrucksvoll vor.
Zum Abschluss singen alle gemeinsam
Bei „Kein schöner Land“ stimmten die Zuhörer noch einmal gerne ein. Zum Schluss versammelten sich alle Mitwirkenden auf der Bühne und verabschiedeten sich mit dem Kanon „Singen macht Spaß“. Nach diesem Abend war das eine treffende Beschreibung dessen, was auf der Bühne und im Saal zu erleben gewesen war.
Das alle zwei Jahre stattfindende Kreiskonzert zeigte in Erbendorf die Vielfalt der Chormusik und die verbindende Kraft eines gemeinsamen Liederschatzes. Vier unterschiedliche Formationen brachten ihre eigenen Stärken ein. Zusammen mit dem singfreudigen Publikum machten sie aus dem Konzert einen Abend gelebter Gemeinschaft.



