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Meinungsbeitrag: Fachkräftemangel darf nicht zum Sicherheitsrisiko werden

Kürzere Führerscheinprüfung, mehr Fremdsprachen – ist das wirklich der richtige Weg?

Von Roland Wellenhöfer

MÜNCHEN/BERLIN. Der Fahrermangel in der Transportbranche ist real. Tausende Berufskraftfahrer fehlen bundesweit, viele Unternehmen finden seit Jahren kaum noch Personal. Dass Politik und Wirtschaft nach Lösungen suchen, ist deshalb richtig und notwendig.

Doch die jetzt vom Bundesrat beschlossenen Erleichterungen werfen eine entscheidende Frage auf: Darf der Kampf gegen den Fachkräftemangel auf Kosten der Verkehrssicherheit gehen?

Besonders bemerkenswert ist dabei: Wesentliche Teile der Reform gehen auf bayerische Initiativen zurück. Das CSU-geführte Bayerische Verkehrsministerium unter Minister Christian Bernreiter präsentiert die Änderungen ausdrücklich als Erfolg bei der Modernisierung und Entbürokratisierung. Aus Bayern kam unter anderem der Vorstoß, Albanisch als weitere Prüfungssprache aufzunehmen und den praktischen Prüfungsteil zur Bewältigung kritischer Fahrsituationen ersatzlos zu streichen.

Was das Ministerium als Abbau unnötiger Hürden feiert, könnte jedoch an anderer Stelle neue Risiken schaffen.

Ein 40-Tonner ist kein gewöhnliches Fahrzeug

Ein Berufskraftfahrer bewegt kein normales Auto. Er trägt Verantwortung für bis zu 40 Tonnen Gesamtgewicht und teilt sich die Straßen mit Familien, Motorradfahrern, Radfahrern und Fußgängern.

Gerade deshalb sollte die Ausbildung höchste Anforderungen erfüllen.

Die theoretische Prüfung in verschiedenen Sprachen ist dabei nicht zwangsläufig das eigentliche Problem. Die Öffnung für Englisch, Hocharabisch, Kroatisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Türkisch, Ukrainisch und künftig auch Albanisch kann internationalen Bewerbern den Zugang zum Beruf erleichtern.

Wer dauerhaft in Deutschland arbeitet, muss jedoch nicht nur Verkehrsregeln verstehen. Im Berufsalltag geht es auch um die Kommunikation mit Polizei, Rettungskräften, Werkstätten, Kunden oder Mitarbeitern auf Baustellen. Gute Deutschkenntnisse sind deshalb weit mehr als eine bürokratische Hürde – sie können im Ernstfall ein wichtiger Sicherheitsfaktor sein.

Eine Prüfung in der Muttersprache kann fachliche Kenntnisse zuverlässig abfragen. Sie beantwortet aber nicht automatisch die Frage, ob sich ein Fahrer auch in schwierigen Situationen im deutschen Straßenverkehr verständigen kann.

Ausgerechnet Gefahrensituationen werden gestrichen

Noch kritischer erscheint die Verkürzung der praktischen Prüfung. Sie soll insgesamt um 90 Minuten reduziert werden. Ausgerechnet der Prüfungsteil zur Bewältigung kritischer Fahrsituationen entfällt vollständig.

Dass dieser Schritt ebenfalls auf eine Initiative des CSU-geführten Bayerischen Verkehrsministeriums zurückgeht, macht ihn nicht überzeugender. Minister Bernreiter spricht von Vereinfachung und möglichen Kosteneinsparungen. Doch bei der Ausbildung von Berufskraftfahrern darf nicht allein entscheidend sein, was schneller und billiger ist.

Wer einmal erlebt hat, wie schwierig das Manövrieren eines voll beladenen Lastwagens ist oder wie schnell eine Notbremsung, ein Ausweichmanöver oder schwierige Wetterbedingungen über Leben und Tod entscheiden können, wird sich fragen, warum ausgerechnet an dieser Stelle gespart wird.

Der Fachkräftemangel ist ein ernstes Problem. Aber die Beherrschung kritischer Fahrsituationen sollte niemals als verzichtbarer Prüfungsinhalt betrachtet werden.

Anerkennung ausländischer Führerscheine braucht Kontrolle

Auch die geplanten Änderungen beim Fahrerlaubnisrecht verdienen eine genaue Prüfung. Führerscheine aus der Ukraine und Montenegro sollen künftig grundsätzlich ohne erneute Prüfung in Deutschland umgeschrieben werden können. Außerdem sollen Fahrerlaubnisse aus Drittstaaten anerkannt werden, wenn sie zuvor bereits in einem anderen EU-Mitgliedstaat umgeschrieben wurden.

Eine solche Regelung kann den Berufseinstieg beschleunigen. Voraussetzung muss jedoch sein, dass die Echtheit der Dokumente, die zugrunde liegende Ausbildung und die Vergleichbarkeit der Anforderungen zuverlässig überprüft werden.

Pauschales Misstrauen gegenüber ausländischen Fahrern wäre falsch. Ebenso falsch wäre es aber, mögliche Unterschiede bei Ausbildung, Prüfung und Dokumentensicherheit aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen kleinzureden.

Wer eine ausländische Fahrerlaubnis prüfungsfrei anerkennt, übernimmt auch Verantwortung dafür, dass dahinter tatsächlich eine Qualifikation steht, die den deutschen Anforderungen genügt.

Die eigentliche Baustelle

Vielleicht stellt die Politik ohnehin die falsche Diagnose.

Nicht allein Prüfungen und bürokratische Verfahren schrecken Menschen vom Fahrerberuf ab. Viel häufiger sind es Arbeitsbedingungen, die seit Jahren kritisiert werden: lange Abwesenheiten von der Familie, hoher Zeitdruck, unzureichende Parkmöglichkeiten, schwierige Ruhebedingungen, fehlende Wertschätzung und oftmals eine Bezahlung, die der großen Verantwortung kaum gerecht wird.

Wer den Beruf wieder attraktiv machen möchte, muss genau dort ansetzen.

Faire Löhne, geregelte und verlässliche Arbeitszeiten, ausreichender Urlaub, sichere Rastanlagen und mehr gesellschaftliche Anerkennung würden vermutlich mehr Menschen für diesen Beruf gewinnen als immer neue Erleichterungen bei Prüfungen und Qualifikationsnachweisen.

Das wäre möglicherweise teurer und anspruchsvoller, als Prüfungszeiten zu verkürzen. Es wäre aber die nachhaltigere Lösung.

Fachkräfte ja – Abstriche nein

Deutschland wird auch künftig auf ausländische Berufskraftfahrer angewiesen sein. Daran besteht kaum Zweifel. Die Transport- und Logistikbranche könnte ohne sie vielerorts kaum noch funktionieren.

Aber Integration bedeutet nicht, Anforderungen abzusenken. Sie bedeutet, Menschen so auszubilden, sprachlich vorzubereiten und zu qualifizieren, dass sie den hohen Sicherheitsanforderungen auf deutschen Straßen gerecht werden.

Das CSU-geführte Bayerische Verkehrsministerium feiert seine Initiativen als Modernisierung und Entbürokratisierung. Doch weniger Prüfung ist nicht automatisch moderner, und eine sicherheitsrelevante Anforderung ist nicht allein deshalb unnötige Bürokratie, weil ihre Erfüllung Zeit und Geld kostet.

Ein Staat darf Verfahren vereinfachen. Er darf internationale Fachkräfte gezielt anwerben. Er sollte aber niemals den Eindruck erwecken, dass Sicherheitsstandards im Kampf gegen den Fahrermangel verhandelbar sind.

Denn jeder Verkehrsteilnehmer muss darauf vertrauen können, dass der Fahrer eines 40-Tonners bestmöglich ausgebildet wurde – unabhängig davon, aus welchem Land er stammt oder welche Sprache er spricht.