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Zwischen Narrenfreiheit und Moralkeule – wenn Fasching plötzlich politisch korrekt sein soll

Von Roland Wellenhöfer

WEIDEN/AMBERG/REGENSBURG. Fasching lebt von Überzeichnung, Provokation und dem bewussten Regelbruch. Genau daran rüttelt nun ausgerechnet eine Empfehlung der Polizei Oberpfalz – zumindest indirekt. In ihrer aktuellen Pressemitteilung mahnt sie bei der Kostümwahl zu „Maß und Rücksicht“ und warnt vor Verkleidungen mit „beleidigendem oder diskriminierendem Charakter“. Was vernünftig klingt, wirft bei genauerem Hinsehen eine grundsätzliche Frage auf: Wo endet berechtigte Rücksicht – und wo beginnt moralische Bevormundung?

Wenn Verkleidung plötzlich problematisch wird

Konkret nennt die Polizei keine Beispiele, doch die Stoßrichtung ist klar: Klassische Faschingskostüme wie Cowboy und Indianer gelten in manchen Debatten längst als kulturell problematisch. Mönche oder Nonnen als Verkleidung werden von Teilen der Gesellschaft als Respektlosigkeit gegenüber Religionsgruppen interpretiert. Die unausgesprochene Botschaft: Wer sich „falsch“ verkleidet, könnte anecken – gesellschaftlich, moralisch, vielleicht bald auch ordnungsrechtlich.

Doch genau hier beginnt das Dilemma. Fasching war nie ein Ort der politischen Korrektheit. Er war immer Ventil, Spiegel und manchmal auch Stachel im Fleisch der Gesellschaft. Figuren wurden karikiert, Machtstrukturen verspottet, Autoritäten lächerlich gemacht. Das Kostüm war dabei nie nur Stoff und Maske – es war Aussage.

Historische Rolle des Faschings: Spott statt Stillsein

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Selbst in dunklen Zeiten ließen sich Narren den Spiegel nicht aus der Hand schlagen. Auch unter autoritären Systemen war der Fasching oft einer der wenigen Momente, in denen Obrigkeiten symbolisch „depürt“, also entmachtet, verspottet und entlarvt wurden. Der Narr durfte sagen, was andere nicht sagen konnten – gerade weil es als Spaß getarnt war.

Diese Tradition lebt von Grenzüberschreitungen. Nicht von Hass, nicht von Gewalt – aber von Überzeichnung. Wer jede mögliche Kränkung im Vorfeld ausschließen will, entkernt den Fasching zu einem harmlosen Mottoabend ohne Biss.

Gute Absicht, schwierige Wirkung

Natürlich ist klar: Nazi-Symbole, echte Uniformen oder täuschend echte Waffen haben im Fasching nichts verloren. Das ist keine Frage der Meinung, sondern des Rechts. Doch wenn darüber hinaus ein diffuser Appell zur „neutralen“ Kostümwahl ausgesprochen wird, bleibt vor allem eines zurück: Unsicherheit.

Was ist noch erlaubt? Was gilt schon als diskriminierend? Und wer entscheidet das – Polizei, Gesellschaft oder der lauteste Shitstorm? Die Empfehlung mag gut gemeint sein, doch sie öffnet eine Tür, durch die schnell mehr Moral als Lebensfreude einzieht.

Fasching braucht Freiheit

Fasching darf und muss auch reiben. Er lebt von Ironie, von Überspitzung und manchmal auch von Geschmacklosigkeit. Wer ihn auf politisch korrekte Unauffälligkeit trimmt, verkennt seine kulturelle Bedeutung. Rücksicht ja – aber bitte ohne erhobenen Zeigefinger.

Denn wenn am Ende nur noch unverfängliche Fantasiefiguren erlaubt sind, bleibt vom ursprünglichen Geist der fünften Jahreszeit nicht viel mehr als Konfetti übrig.


Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Oberpfalz im Wortlaut: