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Deepfake – Zwischen berechtigter Sorge und digitaler Hysterie

Meinungsbeitrag von Roland Wellenhöfer

Die Diskussion um sogenannte Deepfakes läuft derzeit heiß. Kaum vergeht eine Talkshow, kaum ein politischer Kommentar, ohne dass nach Verboten, neuen Gesetzen oder strengeren Regeln gerufen wird. Schuld seien – wie so oft – die großen Tech-Unternehmen aus den USA. Das Problem dabei: Viele, die besonders laut über Deepfakes sprechen, wissen offenbar gar nicht genau, worum es eigentlich geht.

Was sind Deepfakes überhaupt?

Ein Deepfake ist zunächst nichts anderes als eine mithilfe Künstlicher Intelligenz veränderte oder erzeugte Bild-, Video- oder Tonaufnahme. Gesichter können ausgetauscht, Stimmen nachgeahmt oder Szenen komplett künstlich erstellt werden. Die Technik basiert auf sogenannten Lernalgorithmen, die mit vorhandenem Material trainiert werden.

Und genau hier liegt ein Punkt, der oft vergessen wird: Die KI erfindet nichts aus dem Nichts. Sie braucht immer Input von außen – Bilder, Stimmen, Daten. Hinter jedem Deepfake steht also weiterhin ein Mensch, der entscheidet, was erzeugt wird und zu welchem Zweck.

Politische Verzerrung – wirklich ein neues Phänomen?

Besonders häufig wird gewarnt, Deepfakes könnten die Demokratie gefährden. Politiker könnten angeblich Dinge sagen oder tun, die nie passiert sind. Das stimmt – und ist zweifellos problematisch.

Nur stellt sich eine ehrliche Frage: Ist politische Verzerrung wirklich eine Erfindung der KI?

In der Geschichte der Bundesrepublik – soweit ich sie überblicken kann – wurden politische Gegner schon immer überspitzt dargestellt. Wahlplakate, Karikaturen und Kampagnenbilder haben Gegner regelmäßig entstellt oder lächerlich gemacht. Schwarze und Rote haben sich gegenseitig mit teils drastischen Motiven überzogen. Ja, damals saß ein Grafiker am Zeichenbrett und heute sitzt ein Nutzer vor einem KI-Programm.

Auch Worte wurden politischen Gegnern schon lange vor dem Internet in den Mund gelegt. Zitate wurden verkürzt, zugespitzt oder aus dem Zusammenhang gerissen. Neu ist lediglich, dass heute gleich ein scheinbar echtes Video mitgeliefert wird. Das erhöht die Wirkung – macht das Grundprinzip aber nicht neu.

Zwischen Manipulation und kreativem Spielraum

Ich habe selbst im vergangenen Jahr ein Experiment gemacht: Aus meinem eigenen Passfoto entstand mit wenigen Klicks der neue Papst. Weiß gekleidet, milder Blick, vor einem Palast platziert – eine augenzwinkernde Spielerei im Vorfeld der Papstwahl. Jeder konnte erkennen, dass es nicht real war. Eine künstlerische Überzeichnung und kein Täuschungsversuch.

Ist das bereits ein Deepfake, der verboten werden müsste?

Oder nehmen wir die Fotografie: Seit es Fotos gibt, werden Bilder bearbeitet. Fotografen entfernen störende Elemente, korrigieren Farben oder verändern Hintergründe. Für journalistische Berichterstattung gelten klare Regeln – dort darf ein manipuliertes Bild selbstverständlich nicht als Realität ausgegeben werden. Doch außerhalb dieses Kontextes gehört Bildbearbeitung seit Jahrzehnten zum kreativen Alltag. Ich habe aus einem Drohnenfoto ein fremdes Firmengelände herausretuschiert und durch eine grüne Wiese ersetzt – für einen Firmenkalender. Eine gestalterische Entscheidung, keine Täuschung. Wenn jede digitale Veränderung plötzlich als Deepfake gilt, müsste man konsequenterweise einen Großteil moderner Bildbearbeitung verbieten. Das wäre absurd.

Der politische Reflex: Verbieten statt verstehen

Auffällig ist ein bekanntes Muster: Neue Technologie taucht auf – und sofort folgen Forderungen nach Verboten, Strafverschärfungen und Regulierung. Begleitet von aufgeregten Fernsehrunden, in denen die „Schnatterweiber der Nation“ wieder ein neues Feindbild gefunden haben.

Dabei verschwimmt vieles miteinander. Gezielte Desinformation wird häufig in einen Topf geworfen mit Satire, Kunst, klassischer Bildbearbeitung oder rein illustrativen KI-Bildern, die lediglich einen Beitrag visualisieren sollen. Natürlich existieren echte Täuschungsversuche, die problematisch sind und Konsequenzen haben müssen. Doch nicht jede KI-Veränderung ist automatisch Manipulation, und nicht jede Manipulation stellt gleich eine Gefahr für die Demokratie dar.

Was tatsächlich sinnvoll wäre

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob KI grundsätzlich verboten werden sollte, sondern wann eine Täuschung über reale Ereignisse entsteht. Sinnvoll erscheint deshalb ein klarer Unterschied: Immer dann, wenn Bilder oder Videos einen realen Vorgang dokumentieren oder politische Aussagen belegen sollen, müssen KI-Veränderungen transparent gekennzeichnet werden.

Anders verhält es sich bei künstlerischen, satirischen oder gestalterischen Arbeiten. Überspitzung, Humor und kreative Bearbeitung gehören seit jeher zur öffentlichen Debatte und zur Mediengeschichte. In diesen Bereichen sollte sich der Staat zurückhalten, denn kreative Freiheit ist kein Risiko, sondern Bestandteil einer offenen Gesellschaft.