Vom Spott zur Realität: Warum heute niemand mehr über Doro Bärs Flugtaxi lacht
Europas schwerster elektrischer Senkrechtstarter hebt ab – Flugtaxi als Gamechanger für die Notfallmedizin
Von Roland Welenhöfer
MÜNCHEN. Als die damalige Digitalstaatsministerin und heutige CSU-Forschungsministerin Doro Bär im Jahr 2019 ihre Vision von sogenannten „Flugtaxis“ vorstellte, war der Spott groß. Vertreter der politischen Opposition zogen die Idee ins Lächerliche, Karikaturen machten die Runde, Kommentare in sozialen Netzwerken reichten von Kopfschütteln bis Gelächter. Auch viele Medien griffen das Thema eher ironisch als ernsthaft auf. Die Vorstellung elektrisch betriebener Fluggeräte über deutschen Städten galt vielen als realitätsfern.
Nur wenige Jahre später zeigt sich: Die Vision war ihrer Zeit voraus.
In München hat das Luftfahrt-Startup ERC System mit der Flugerprobung eines vollelektrischen Senkrechtstarters begonnen, der zu den größten und schwersten seiner Art in Europa zählt. Der Prototyp trägt den Namen „Romeo“ und ist ein sogenanntes eVTOL-Fluggerät – ein elektrisch betriebenes Luftfahrzeug, das senkrecht starten und landen kann.
Mit einem Abfluggewicht von 2.735 Kilogramm und einer Spannweite von 16 Metern hebt sich „Romeo“ deutlich von bisherigen Demonstratoren ab. Das Fluggerät kombiniert mehrere elektrisch angetriebene Rotoren für den Senkrechtstart mit Tragflächen für den effizienten Vorwärtsflug. Im Reiseflug funktioniert das System damit ähnlich wie ein Flugzeug, was Reichweite und Geschwindigkeit deutlich erhöht.
Genau hier liegt das Potenzial für den medizinischen Bereich. Entwickelt wird das Fluggerät gezielt für zeitkritische Einsätze, etwa für den schnellen Transport von Patienten zwischen Kliniken. Perspektivisch könnten auch Notärzte mit solchen Fluggeräten direkt zum Einsatzort gebracht oder Schwerverletzte besonders schonend und schnell in spezialisierte Krankenhäuser geflogen werden.
Begleitet wird die Entwicklung unter anderem von der DRF Luftrettung, einer der führenden Luftrettungsorganisationen Europas. Dort sieht man in der neuen Technologie eine sinnvolle Ergänzung zum klassischen Rettungshubschrauber – insbesondere vor dem Hintergrund größerer Transportdistanzen und zunehmender Spezialisierung von Kliniken.
Die Zulassung des bemannten Fluggeräts wird für das Jahr 2031 angestrebt. Sollte die Entwicklung weiter so voranschreiten, könnte das, was einst als politische Fantasterei abgetan wurde, schon in den 2030er-Jahren zum festen Bestandteil der Notfallversorgung werden.
Heute jedenfalls lacht niemand mehr über die Idee vom Flugtaxi. Im Gegenteil: Die Vision von damals hebt gerade ganz real ab.


